Was treiben unsere Kinder eigentlich im Netz?

Jugend und soziale Medien – für Eltern oft ein Buch mit sieben Siegeln. Die Oberschule lud zu einem Elternseminar ein: Aha-Effekte inklusive.

Witzig: Moritz Becker von Verein „Smile“ erklärt 80 Eltern die Welt der Jugendlichen in den sozialen Medien.
Bild: Ingo Schmidt

Was treiben die Kinder und Jugendlichen da eigentlich den ganzen Tag mit ihrem Handy? In Familien gerät das Mobiltelefon häufig zum Zankapfel. Nur: Haben Eltern immer den richtigen Blickwinkel? Aufklärung betrieb Referent Moritz Becker vom Verein „Smile“ vor 80 Eltern in der Edewechter Oberschule. Und das tat er – anschaulich und humorvoll. Hier eine Zusammenfassung:

Welche Charakterzüge machen die Jugend aus?

„Sie sind unbekümmert, neugierig, wollen Anerkennung, suchen Aufmerksamkeit, befinden sich in einer Identitätsentwicklung und haben ein Gefühl von Freiheit.“

Wie ist die Grundeinstellung zum Handy?

„Wir Erwachsene freuen uns beim Handy, wenn es genauso funktioniert wie das alte. Bei den Kindern ist das anders: Die sehen all diese neuen Funktionen. Sie wissen zwar noch nicht, was die so können, aber sie sind sich sicher: ’Ich brauche sie alle.’“

Welches sind die wichtigsten sozialen Medien?

„Facebook spielt gar keine Rolle mehr, das ist eher für die Leute über 40. Wenn die eigenen Eltern da sind, heißt es: ’Nichts wie weg.’ Instagram ist das meistgenutzte Netzwerk, auch in Schulklassen, weil es viele Bilder gibt. Da kann man sich präsentieren – und es gibt viele Likes, auch von Leuten, die man nicht kennt. Whatsapp ist auch wichtig, aber es dient dazu, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die man sowieso kennt. Snapchat könnte vielleicht mal so wichtig werden, wie es Facebook einmal war.“

Welche Funktion erfüllen soziale Medien?

„Sie sind eine Spielwiese der Identitäten. Man kann sich ausprobieren, die Profilbilder tauschen, so Aufmerksamkeit erregen und Anerkennung bekommen – in Form von Likes und Kommentaren. Da postet dann eine Hübsche ein Foto und schreibt dazu: ’Ich fühl mich so hässlich.’ Sofort gibt es Likes und Kommentare à la ’Nein, du bist voll hübsch.’ Das ist ’fishing for compliments’, aber es bringt Aufmerksamkeit, Anerkennung und Stabilität.

Was geben soziale Medien der Jugend?

„Stabilität. Wir Erwachsene wissen, dass ein Pickel keine Katastrophe ist. Der ist drei Tage da und gut. Jugendliche verunsichert das so weit, dass sie nicht zur Schule gehen wollen. Sie posten dann ein Foto von sich mit dem Kommentar ’Ich hab zu viele Pickel’ und bekommen dafür Likes und unzählige Kommentare: ’Nein, du siehst voll gut aus.’ Das gibt Stabilität und sie gehen doch zur Schule. Es zeigt, dass da ein stabiler Freundeskreis ist.“

Welche Fehler können Eltern machen ?

„Der dümmste Satz von Eltern an ihre Kinder ist: ’Es ist egal, was andere über dich denken.’ Denn das impliziert, dass auch egal ist, was die Eltern über ihr Kind denken. Ein anderer dummer Kommentar ist: ’selber schuld’. Wenn das Kind kommt und sagt, dass es beispielsweise wegen eines selbst geposteten Fotos von allen beleidigt wird, ist ’selber schuld’ das Messer im Rücken eines Menschen, der eine Umarmung braucht. Und dann ist da noch die Meckerei: Wenn man als Eltern nur meckert, dann geht man doch lieber dahin, wo man Likes bekommt.“

Was ist mit den Außenseitern?

„Außenseiter bekommen die Stabilität, die andere aus den sozialen Medien bekommen, nicht. Die Rolle des ’Egalen’ ist die schlimmste, denn der traut sich nicht mal, Hallo zu sagen, wenn er in die Klasse kommt. Für Likes würde der alles tun. Es gibt Kinder, die laufen unterm Radar. Die sagen ’Ich hab keine Hobbys’ – wer will denn mit so einem was zu tun haben?“

Account-Einstellung: öffentlich oder privat?

„Es gibt Kinder und Jugendliche, die ihre Konten auf privat stellen müssen, weil sie sonst keine sozialen Medien nutzen dürfen. Mir hat mal eine Sechstklässlerin erzählt, dass ihr Konto natürlich auf privat gestellt ist. Aber sie hatte 9500 Kontakte. Sie hat also jeden reingelassen, der wollte. Bei den Jugendlichen geht es darum, etwa bei Instagram so viele Likes, so viel Anerkennung wie möglich zu bekommen. Die häufigste Antwort von Jugendlichen, warum sie ihr Konto nicht privat stellen, ist die: ’Weil ich dann weniger Likes bekomme.’“

Welche Probleme bringt Whatsapp mit sich ?

„Whatsapp verwendet blaue Häkchen, die zeigen, dass eine Nachricht gelesen wurde. Das erzeugt eine Verbindlichkeit. Ein Beispiel: Max ist in Lisa verliebt. Er ringt sich durch und gesteht es ihr per Whatsapp – er sieht, dass die Nachricht gelesen wurde – und er wartet auf eine Antwort. Eine Minute, zwei Minuten. Je länger er wartet, umso frustrierter ist er. Und dann, kurz vorm Abendessen, antwortet Lisa mit einer langen, süßen Nachricht. Aber Max muss essen und darf nicht tippen. Aber er hat die Nachricht gelesen. Nun wartet Lisa – und das ist so viel wichtiger für das Kind als das Abendessen. Und das erzeugt Druck. Natürlich riskiert er den Ärger mit den Eltern und antwortet Lisa. Deshalb eine Regel: Nachrichten nur dann lesen, wenn auch Zeit ist zu antworten.“

Wie sieht es aus mit Mobbing im Internet?

„Zunächst: Mobbing ist nicht Streit, sondern eine brutale Ausgrenzung. Es muss da etwas dagegen unternommen werden, wo es anfängt: in der Schule. Wir alle müssen dafür sorgen, dass wir aus der Täter-Opfer-Umkehr herauskommen. Der Täter ist der Böse, nicht das Opfer.“

Warum führen soziale Medien zu Stress?

„Wegen der Gleichzeitigkeit. Wir führen unser Leben ja weiter wie früher. Das Handy kommt obendrauf. Die Kinder sind in mehreren Whatsapp-Gruppen, vom Sportverein, der Klasse, der Jugendgruppe. Ich hatte mal einen Schüler, der hat mir erzählt, dass er in der Klassengruppe schon vor der ersten Stunde 600 Nachrichten bekommt. Da muss nur einer ’Guten Morgen’ schreiben, dann schreiben das 25 Leute. Und dann kommt: ’Habt ihr gut geschlafen?’ Und wir sind die erste Generation, die eine andere auf etwas vorbereiten muss, auf das wir selbst nicht vorbereitet wurden.“

Was sollten Eltern denn nun tun?

„Man könnte sagen: ’Zeig mir doch mal, wie du das Internet nutzt.“ Bei echtem Interesse macht es das Kind vielleicht, wenn danach nicht noch mehr verboten wird. Und wenn das Kind um 14 Uhr mit dem Handy auf dem Bett liegt, könnte man auch sagen: ’Du warst heute sechs Stunden in der Schule und hast beim Mittagessen aufs Handy verzichtet. Jetzt hast du Zeit für deine Freunde, weil du weißt, was du heute noch alles tun musst.“

Wer ist denn besonders gefährdet im Internet?

„Die Außenseiter ohne stabilen Freundeskreis. Das sind die, die sich über ein einziges Like freuen. Und dann kommt einer, der sagt, dass er eine Modelagentur hat, weil man so hübsch ist. Und der will ein Foto. Dann eins im Bikini. Dann eins ohne Bikini. Das bekommt er nicht, also retuschiert er den Bikini weg und droht, das Foto an die Schule zu schicken. Plötzlich ist man erpressbar. Das probiert der bei 100 Mädels, und 99 sagen: ’Geh weg. Ich brauche dich nicht. Aber bei der einen, die unsicher ist, funktioniert es.“

(Quelle: nwzonline.de, 01.06.2019)